Anthroposophische Medizin

Sie wurde zu Beginn der 20er Jahre durch Dr. Rudolf Steiner (1861-1925, Begründer der Anthrosophie) und der Holländischen Ärztin Dr. med. Ita Wegman (1876 – 1943) in Zusammenarbeit mit weiteren Ärzten entwickelt. Anliegen war, die mit den Methoden der Naturwissenschaften gefundenen Tatsachen der modernen Medizin durch geisteswissenschaftliche Forschungsergebnisse aus der Anthrosophie neu zu interpretieren und zu ergänzen. Die anthroposophische Medizin soll also nicht im Gegensatz zur “Schulmedizin” stehen, sondern sie soll die Schulmedizin erweitern, indem das anthroposophische Menschenbild mithilft bei der Beurteilung von Gesundheit und Krankheit. Entsprechend dem Weltbild der Anthropsophie sieht die anthroposophische Medizin den Menschen als vielgliedriges Wesen, bestehend aus dem physischen (körperlichen) Leib, Ätherleib (Lebensleib), Astralleib (Seele) und dem Ich (Geist). Astralleib und Ich sind so genannte “obere” Glieder, deren Entfaltung durch den Ätherleib und physischen Leib ermöglicht wird. Diese Wesensglieder haben ihre Schwerpunkte in unterschiedlichen Bereichen: im Nerven-Sinnes-System dominiert das Geistige (Ich), das rhythmische System ist die körperliche (physische) Basis des Seelischen (Astralleib), im Stoffwechselsystem ist das Leibliche-Vegetative am stärksten vertreten (Äther- und Astralleib). Die anthroposphische Medizin entstand Anfang der 20iger Jahre dadurch, dass Steiner und Wegman zusammen mit interessierten Ärzten und Pharmazeuten Wege entwickelten, um die Gedanken der oben aufgeführten anthroposophischen Menschenkunde auch in der Behandlung Kranker umzusetzen. Im Laufe der Vorkriegsjahre fand diese Bewegung immer mehr Anhänger unter den Ärzten, sodass bald Kliniken für diese Heilweise eröffnet wurden. Auch zwei pharmazeutische Unternehmen wurden gegründet, um die entsprechenden Heilmittel herzustellen. Um den Charakter der vier “Wesenglieder” des Menschen am ehesten zu verstehen, stellt man sie sich am besten als Systeme vor, in denen ein bestimmter Bereich von zusammenhängenden Gesetzmäßigkeiten wirksam ist. Diese Gesetzmäßigkeiten kann man mit den in der Natur bestehenden Gesetzen der Thermo-(Wärme-)dynamik, der Aero-(Luft-)dynamik, der Hydraulik und der Festkörperphysik sowie Aggregatzustände (fest, flüssig, gasförmig) vergleichen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Organismus fester, flüssiger, luftförmiger und warmer Qualitäten und Eigenschaften, die er gegenüber den Umwelteinflüssen eigenständig regelt und aufrechterhält. In der anorganischen Natur (Mineralien) wirken die Gesetzeszusammenhänge allgemein. Dagegen wirken sie in Pflanze, Tier und Mensch individuell und Organismus-spezifisch unabhängig von der Umwelt. Im Folgenden werden die vier Wesenglieder kurz beschrieben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Wesenglieder als Gesetzeszusammenhänge zugleich auch für die Gestaltbildung und Formgebung des Körpers verantwortlich sind. Die Wesensglieder sind geordnete Systeme, durch die das Menschwesen mit seinen seelisch-geistigen und leiblichen Ordnungen während des Lebens in Erscheinung treten kann. Steiner hat als Begriff für diese Ordnungen das Wort “Leib” benutzt und es definiert als dasjenige, “was einer Sache Form gibt”.

Der physische Leib ist dasjenige, was am Menschen messbar, wägbar und chemisch-analytisch quantifizierbar ist. Er vermittelt die sichtbare Raumgestalt des Menschen und kann mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden in umfassender Weise analysiert werden. Diese physische Organisation unterliegt im Tode den analytischen Gesetzmäßigkeiten der mineralischen Natur und wird entsprechend rasch chemisch zersetzt und aufgelöst. Dabei gehen die festen, flüssigen und gasförmigen Bestandteile des Leibes ihre eigenen Wege. Erst wenn dieser rein physische (körperliche) Leib von den Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen durchströmt und zusammengehalten wird, entsteht die menschliche Gestalt, der lebendige Mensch. Für die Gesetze der Lebendigen verwendet Steiner den Begriff “Ätherischer Leib”. Das griechische Wort “Aether” bezeichnet den von Sonne und Sternen aufgehellten Himmelsraum, der Voraussetzung für die Lebensständigkeit der Pflanzen ist, die ihre Lebensenergie durch Photosynthese von der Sonne erhalten. Steiner wollte damit deutlich machen, dass die Phänomene des Lebendigen ohne Einbeziehung der planetarischen Welt nicht verständlich sind. Die heute bekannten Tatsachen der Sonnen- und Mond-Biologie zeigen die Richtigkeit seiner Wortwahl. Die Gesetze des Lebens hindern kontinuierlich den physischen Leib an seinem Zerfall. Sie erweisen sich dadurch stärker als der Tod. Sie sind charakterisiert durch die Gesetze der Vererbung, des Wachstums, der Regenaration und der rhythmisch sich wiederholenden Funktionen des Organismus in Form von Regelkreisen und bestimmten Wechselwirkungen. Hinzu kommt die Zeit als bestimmender Faktor lebendiger Vorgänge, die wir am Tagesgang der Gestirne ablesen können. Jede Lebensäußerung ist an einen bestimmten Entwicklungs- bzw. Zeitablauf gebunden. Dementsprechend hat jedes Wesen, das einen Äther-Leib besitzt, eine spezifische Zeitstruktur. Diese Zeitstruktur ist ebenso charakteristisch wie die spezifische räumliche Gestaltung für den physischen Leib (s.o.). Zu den Kategorien und Gesetzen von Raum und Zeit tritt noch der Bereich des Bewusstseins in Form seelischen Innen-Erlebens hinzu unter dem Begriff “Astral-Leib”. Das menschliche Bewusstsein umfasst sowohl die Informationen über die Sinnes-Wahrnehmung als auch die durch das Denken zu erschließenden Möglichkeiten des geistigen Anschauens, was sich auf den gesamten Kosmos erstrecken kann. Daher benennt Steiner den Astral-Leib, einem älteren Ausdruck folgend, Aster, was so viel bedeutet wie “Stern”. Dies soll deutlich machen, dass er die Gesetze der gesamten kosmischen Ordnungen des Weltalls enthält, in die auch die Erde als Weltenkörper einbezogen ist. So hat der Astral-Leib größte Gegensätze in sich zu vereinigen, nämlich das an die Sinne und den physischen Leib gebundene “Erdenbewusstsein” und das durch das Denken mögliche “Kosmische Bewusstsein”. Die den Lebensvorgängen innewohnenden Triebkräfte werden als Begierden, Wünsche, Neigungen durch den Astral-Leib ebenso “bewusst” gemacht wie die Gesetze der Vernunft und der Moral. Sympathie und Antipathie, das heißt die innere Bewegungs-Dynamik des Gefühlslebens, sind dabei die bestimmenden orientierenden Kräfte. Diese Kräfte sind durch alles bewusste Erleben hindurch, in Freude und Schmerz, in Lust und Unlust, die stärkenden und bestimmenden Kräfte des seelischen Lebens. Wo sie sich in einem Lebewesen regen, ist individuelle Bewusstseinsentfaltung möglich. Wo Bewusstsein sich äußert, wo seelisches Leben sich regt, vollzieht sich auf der Ebene des Lebens der radikale Umschwung vom pflanzlichen zum tierischen Stoffwechsel. Die Pflanze, die nur einen Äther-Leib und keinen Astral-Leib besitzt, hat einen Aufbaustoffwechsel. Das Tier und auch der Mensch hingegen, die beides besitzen, verdanken ihre seelische Regsamkeit (Sympathie/Antipathie), ihre Bewegungsfähigkeit und das Vermögen, “Laute” von sich zu geben, ihrer Atmung mit dem dadurch möglichen verbrauchenden (Katabolen) Stoffwechsel. Die Unterscheidung grundsätzlich von Mensch und Tier und ganz besonders von Mensch und Pflanze sowie dem Mineral ist erst durch das Auftreten und Handhaben des 4. Wesengliedes möglich, nämlich der “Ich-Organisation”. Sie ist Träger des typischen menschlichen Selbstbewusstseins, womit die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen und zur freien Selbstbestimmung verbunden ist. Was die Tiere als trieb- und instinktgebundene Wesen nur so ausleben können, wie es in ihrer Natur veranlagt ist, lernt der Mensch bis zu einem gewissen Grad zu beherrschen und sich frei verfügbar zu machen. Dies ist möglich, weil der Mensch die Gesetzmäßigkeiten der Wärme individuell handhaben und zum Ausdruck (Träger) seiner Persönlichkeit machen kann. Die höheren Tiere können das nicht! Von der Ich-Organisation aus kann der Mensch auch seine anderen Wesenglieder so beherrschen, dass letzlich auch der physische Leib ein getreues Abbild seines seelisch-geistigen Lebens wird. Aus den gesamten Aufführungen folgt: Je gesünder der Mensch ist, umso fähiger ist er, seinen Charakter und sein Wesen in allen vier Seinsbereichen bzw. Wesensgliedern zu äußern und darzustellen. Krankheit hingegen bedeutet stets ein sich Abgrenzen von Naturvorgängen, indem die Gesetze eines der Wesensglieder nicht mehr im Einklang mit den Gesetzen der anderen Wesensglieder arbeiten. Jede Störung ist daher letztlich auch mit einer Störung der Ich-Organisation verbunden. Die Wesensgliedererkenntnis ist Voraussetzung für eine neue vergleichende Forschung im Zusammenhang der Naturreiche und ihrer Beziehung zum Menschen. Der Mensch besitzt wie Mineral, Pflanze und Tier einen physischen Leib. Er hat wie Pflanze und Tier einen Ätherleib und wie das Tier einen Astralleib. Durch die Ich-Organisation wird er ihnen gegenüber jedoch zum eigenständigen Naturreich, das eine höhere Organisationsstufe besitzt.

Die Wesenglieder beim Menschen und im Naturreich:

Mineral – physischer Leib, Pflanze – Ätherleib, physischer Leib, Tier – Astralleib, Ätherleib, physischer Leib, Mensch – Ich, Astralleib, Ätherleib, physischer Leib.

Der Mensch und die Natursubstanzen unterscheiden sich also in der Zahl ihrer Wesensglieder und deren Ordnungsprinzipien. Wird der Mensch infolge einer Dysbalance seiner Wesensglieder krank, so wird er allgemein dem Wesensgefüge der Natursubstanzen ähnlich! Ist beim kranken Menschen z.B. der Ätherleib dominiert, so treten bei ihm Wachstumsprozesse auf, die von Astralleib und Ich nicht mehr ausgeglichen werden. Diese Dominanz ist bei der stets wachsenden Pflanze physiologisch, sodass bestimmte pflanzliche Heilmittel geeignet sein können, die Inbalance des Menschen auszugleichen. Die Konstitution eines Menschen, das heißt die “Veranlagung” für Gesundheit und Krankheit, wird entsprechend in der anthroposophischen Medizin durch die individuell verschiedenen labilen Gleichgewichtszustände bestimmt. Die ständige Arbeit an der Stärkung und der positiven Zusammenarbeit der Wesensglieder entspricht demnach der Gesundheit.

Jedes länger andauernde Ungleichgewicht schafft früher oder später die entsprechende Aufälligkeit für Krankheiten. Dabei lassen sich die verschiedenen Krankheiten unterschiedlich stark von der Eigenaktivität des Menschen beeinflussen. Ein weiteres wichtiges Prinzip der anthroposophischen Medizin ist die von Steiner aufgestellte “Drei-Gliederung des menschlichen Organismus”. Es handelt sich dabei um zwei entgegengesetzt tätige Systeme mit den Begriffen “Sinnes-Nerven-System” und “Gliedmaßen- Stoffwechsel-System”, die durch eine “dynamische Mitte” ausgeglichen werden. Das Zusammenwirken der beschriebenen vier Wesensglieder ist in jedem der drei Systeme unterschiedlich geordnet, wodurch schließlich deren verschiedene Funktionsweisen zustande kommen. Mit dieser Dreigliederung hat Steiner bereits 1917 einen fruchtbaren Verständnisansatz für die funktionelle Wechselwirkung zwischen den physiologisch-anatomischen Gegebenheiten und den drei Seelentätigkeiten des Menschen dargestellt: Denken-Fühlen-Wollen.

Das Sinnes-Nerven-System stützt sich auf die wachbewussten Elemente unseres Seelenlebens: Sinnes-Wahrnehmung, Vorstellen und begriffliches Denken. Es konzentriert sich entsprechend im Kopfbereich mit Sitz der wichtigsten Sinnesorgane (Seh-, Gehör-, Gleichgewichts-, Drehbewegungs-, Geruchs- und Geschmackssinn) und des Gehirns. Es handelt sich um den sog. “Bewusstseins-Pol”, der vorwiegend dem Informationsaustausch mit der Umwelt und der reingeistigen Verarbeitung – dem Denken – dient.

Das Gliedmaßen-Stoffwechsel-System als Gegenpol zum Sinnes-Nerven-System. Die Vorgänge des Stoffwechsels bleiben in der Regel unbewusst und machen sich nur bei Störungen bemerkbar. Ihr Wirkzentrum ist der Bauchraum. Funktionell gehören zu diesem System auch die mit dem Rumpf verbundenen Gliedmaßen und Geschlechtsorgane. In diesem “Stoffwechsel- und Bewegungspol” sind motorische Beweglichkeit und intensiver (chemisch aktiver) Ab- und Aufbaustoffwechsel konzentriert. Funktionell gesehen bewirkt jede bewusste Tätigkeit des Organismus Ermüdung auf der Basis physiologischen Abbaus, gleichgültig ob es sich um Sinnestätigkeit, Denken oder aktive Bewegungen handelt. Was vom Bewusstseinspol ausgeht benötigt also eine ständige Regeneration vom Stoffwechsel aus. Damit wird auch der Prozess des Alterns verständlich. Erholung, Aufbau, Regeneration der Zellen, Heilung von Wunden werden stets aus dem “Kraft-Zentrum” des Gliedmaßen-Stoffwechsel-Systems heraus bewirkt. Hier bleiben auch die beschriebenen vier Wesenglieder (Ich, Astral-, Äther- und physischer Leib) Tag und Nacht verbunden und sind im Substanzaufbau tätig. Sinnes-Nerven-System und Gliedmaßen-Stoffwechsel-System werden in ihrer Polarität durch das dritte Glied, die Atmung und Kreislauftätigkeit, im “mittleren Menschen” rhythmisch verbunden und wieder getrennt und dadurch immer wieder aktiv zum Ausgleich gebracht. Das Herz hat als muskuläres Organ eine Eigenbewegung und ist über das Blut mit allen Stoffwechsel- und Bewegungsvorgängen verbunden. Brustkorb, Lunge und Herz schaffen zusammen den Ausgleich zwischen “oberem” und “unterem” Pol. Die polaren Kräfte von Ruhe und Bewegung, beschaulicher seelischer Innentätigkeit und aktiver umweltgerichteter Außentätigkeit sind so durch die ausgleichende Funktion der “Mitte” harmonisch verbunden. Als Polarität der menschlichen Organisation ergibt sich zusammenfassend auf der einen Seite das Sinnes-Nerven-System mit: Nervenprozessen, Regenerationsmangel, Vorherrschen der Abbaukräfte und Alterungsprozessen, Wahrnehmung und Wach-Bewusstsein, Vorstellungsleben; das Denken auf der anderen Seite ist das Gliedmaßen-Stoffwechsel-System mit Stoffwechselprozessen, Regeneration, überwiegend Aufbaukräften und Verfügungstendenzen, Schlafbewusstsein, Willens-Leben und in der Mitte das rhythmische System mit rhythmischen Vorgängen, Vermittlung von Abbau- und Aufbauvorgängen, träumendes Bewusstsein, Gefühlsleben. Die beschriebenen vier Wesensglieder sind zeitlebens im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System verankert. Dabei sind tagsüber Astral-Leib und Ich-Organisation nur lose mit dem Nerven-Sinnes-System verbunden und in der Schlafenszeit vollständig davon getrennt. Die vier Wesensglieder arbeiten in der Mitte rhythmisch zusammen. Mit jeder Einatmung verstärkt sich die Verbindung der beiden Wesenglieder-Paare (Ich/Astralleib bzw. Äther- und physischer Leib), um sich mit jeder Ausatmung entsprechend wieder zu lösen. Weinen und Lachen sind hierfür ein charakteristischer Ausdruck. Lachen befreit Astralleib und Ich-Organisation für die bewusste Tätigkeit. Weinen hingegen zieht die Wesensglieder tiefer in den Organismus hinein und stimmt damit das Gedanken- und Gefühlsleben herab bis zum Extremfall seelischer Starre oder dem “Wie ausgestorben”-Sein. Mit Hilfe der aufgeführten Drei-Gliederung können die Funktionen des Leibes in Gesundheit und Krankheit differenzierter verstanden werden. Der Anatom J. Rohen hat seine Lehrbücher für die Medizinstudenten ganz auf diesem Erkenntnisansatz aufgebaut (1971, 1975). In jedem Organsystem, Einzelorgan, Gewebe, ja bis in den Aufbau der Einzelzelle hinein können die drei Systeme in ihrer jeweils typischen Ordnung und Krafttendenz wahrgenommen und wiedergefunden werden. Überwiegt einer der Pole in einem Organ oder Funktionsbereich in seiner Eigendynamik, so erkrankt der Mensch. Erfährt der entgegengesetzte Pol eine entsprechende Stärkung oder wird durch entsprechende Maßnahmen das rhythmische System in seiner ausgleichenden Funktion gestärkt, so kann Heilung eintreten. Die Drei-Gliederung des menschlichen Organismus ist jedoch nicht nur für das Verständnis von Krankheitstendenzen und Gesundheitsprozessen wesentlich. Vielmehr führt sie auch zu einem weiter gehenden Verständnis des Leib-Seele-Zusammenhangs. Durch die dreigliedrige Betrachtung des Menschen wird deutlich, dass das Leben der Seele im ganzen Menschen seinen “Sitz” hat und nicht nur in erster Linie im Nervensystem entsprechend der “üblichen” Auffassung. Welchen Beitrag die verschiedenen Organe und Organsystem mit ihren Funktionen für die Entfaltung der Seelentätigkeiten leisten, gehört zu den spezifischen Forschungsaufgaben der antroposophischen Medizin.

Wirkung und Anwendungsbereiche

Ziel der anthroposophischen Medizin ist, die gestörte Harmonie der Wesensglieder wiederherzustellen. Heilung beruht dabei wesentlich auf einer Aktivierung der natürlichen Heilungskräfte. Dazu bedient sich die anthroposophische Medizin vieler Heilmittel, die der Natur, und zwar den angesprochenen Bereichen, Mineralien/Metalle, Pflanzen und Tiere, entnommen sind. In ihnen spiegelt sich die “Wesensverwandschaft” zwischen dem Menschen und den Naturreichen wider, man sagt auch der Amkrokosmos im Mikrokosmos. Die verwendeten Pflanzen, Mineralien oder Tiere sprechen die menschlichen Organe urbildkraft an und fördern dadurch Regenerations- und Heilungsprozesse. Sie richten sich daher nicht gegen isolierte Erkrankungen, sondern stützen die Heilung eines ganzen Organs. Die pharmazeutische Verarbeitung der Natursubstanzen kann erst die verborgenen Heilkräfte für den Menschen aufschließen. Besondere Sorgfalt wird dabei auf die Auswahl und Verarbeitung der Ausgangsstoffe gelegt. Hierzu gehören der weitgehende Verzicht auf chemisch-synthetische Verfahren und die schonende, natürliche Verarbeitung der Rohstoffe. Die Arzneiwahl erfolgt in der anthroposophischen Medizin entsprechend dem Wesensbild der Erkrankungen bzw. des kranken Organs und der dazu passenden Substanz oder Pflanzen. Um die Wesensähnlichkeit einer natürlichen Substanz mit menschlichen Lebensprozessen oder Stoffwechselvorgängen und Organen zu verstehen, ist eine gute Kenntnis der biologischen, mineralischen und menschlichen Entstehungsvorgänge nötig. Diese Zusammenhänge kann man am besten an einigen Beispielen aufzeigen. Das Arzneimittel Hepatodoron enthält als Rohstoff den Weinstock und die Walderdbeere. Der Wein als besonders Zucker herstellende Pflanze “verkörpert” den Leberstoffwechsel, der sich mit seinen Eiweiß verbreitenden Eigenschaften auch in der Walderdbeere wiederfindet. Von beiden Pflanzen werden die Blätter verwendet, die – entsprechend der Leber beim Menschen – im besonderen Maße Stoffwechselorgane des Pflanzenorganismus sind. Dementsprechend ist Hepatodoron nicht nur bei bestimmten Lebererkrankungen, sondern allgemein zur Wiederherstellung der Leberfunktion geeignet. Ähnlich spiegeln im Medikament Cardiodoron die Pflanzen (Primel, Edeldistel, Bilsenkraut) die Merkmale der Herz- und Kreislauftätigkeit wider, sodass es bei entsprechenden Erkrankungen bzw. Funktionsstörungen eingesetzt werden kann. Einige der anthoprosophischen Heilmittel haben inzwischen auch Einzug in die Schulmedizin gehalten. Dabei ist besonders die Mistel (in Iscador/Helixor) hervorzuheben, die immer regelmäßiger und häufiger in der Therapie von Malignomen eingesetzt wird. Ihre immunstimulierende Wirkung ist belegt. Steiner hat die Mistel erstmals in Beziehung zur Krebskrankheit gebracht. Er hat die Entstehung bösartiger Erkrankungen geisteswissenschaftlich begründet und aus dieser Begründung die entsprechendeTherapie angegeben. Die Wirksamkeit der Misteltherapie zeigt sich daran, dass “Astralleib” und “Ich-Organisation” in ihrer Aktivität verstärkt werden und sich wieder mehr mit dem “Ätherleib” verbinden können. An der Geschwulst zeigt sich dies im glücklichen Fall durch Wachstumsstillstände und Rückbildungen. Auf der Ebene der Befindlichkeit zeigt sich die Wirkung durch ein auftretendes Gesundungsgefühl und neue Lebenskraft als Ausdruck, dass der “Ätherleib” wieder in der richtigen Weise zur Wirksamkeit gekommen ist. Die Normalisierung der physiologischen Funktion von Atmung, Zirkulation, Verdauung und Ausscheidungen sind deutlicher Ausdruck der verstärkten “Astralleib”-Wirkung. Auf körperlicher Ebene kommt es zu neuer Lebensfreude sowie Nachlassen von Angstgefühlen und Antriebsschwäche. Das wieder stärkere Eingreifen der Ich-Organisation wird an der Erhöhung der Basalttemperatur sichtbar. Auf geistiger Ebene zeigen die so Behandelten wieder Initiative und neues Interesse an ihrer Umgebeung. Die umfassende Wirksamkeit der Mistel wird durch die besonderen Verfahren der Herstellung erreicht, die von Dr. Steiner ganz genau festgelegt wurden. So wird die Qualität des Produkts bestimmt durch die Pflückzeiten im eigenen Jahresrhythmus der Mistel (Sommer und Winter), die besondere Verarbeitung der Pflanzen bzw. der Pflanzensäfte (aus Beeren, Blüten, Blättern, Stengeln) und ihrer Mischung. Ein ganzheitliches Verständnis des Menschen erfordert einfach die Verbindung der Forschungsergebnisse von Naturwissenschaft, Psychologie und Geisteswissenschaft. Dabei bildet die anthroposophische Medizin mit ihrer Wesensglieder-Erkenntnis ein hilfreiches Verbindungsglied. Denn die anthroposophische Medizin umfasst nicht nur eine leibliche (körperliche), sondern ebenso die seelische und geistige Therapie. Dementsprechend wird die Behandlung mit Medikamenten ergänzt durch die künstlerische Therapie, wie Musizieren, Malen, plastisches Gestalten, Sprachtherapie und ganz besonders die Heileurythmie. Die Heileurythmie ist eine Therapie, bei der Wörter, Laute und Melodien in Bewegung umgesetzt werden. Dabei entspricht das Üben von gesunden, typisch normalen (griechisch “Eu”-) Bewegungen (Eu-Rhythmus) einem bewussten Erlernen und Ergreifen der Gesetzmäßigkeiten seines “ätherischen Leibes” (Lebensleib). Allgemein werden die künstlerischen Therapieformen mit den Indikationen angewendet, die sich aus der anthroposophischen Menschenkunde und dem anthroposophischen Krankheitsverständnis ergeben. Ein Grundwesenszug der Kunst liegt dabei im Aufnehmen und Gestalten der Beziehungen des Menschen zu seiner Innenwelt und Umwelt. Der Mensch erlebt sich dabei schöpferisch tätig mit den Qualitäten der Welt und seiner eigenen Seele gleich Stoff, Farbe, Klang, Bewegung, Sprache, Denken und Fühlen. Sowohl durch die künstlerische Tätigkeit als auch durch künstlerisches Erleben und Genießen werden dem Menschen diese Qualitäten bewusst und dadurch handhabbar gemacht. Die psychosomatische Medizin ist ein weiterer Anwendungsbereich. Sie beschreibt in vielen Details die gegenseitige Abhängigkeit von Seele und Leib und die seelische Verursachung von Krankheit sowie die Rückwirkungen körperlicher Krankheitsvorgänge auf das seelische Erleben. Allerdings fehlen hier noch definierte Begriffe, um diese Wechselbeziehungen nicht nur zu verstehen, sondern auch konkret zu beschreiben. Hierzu bietet sich die anthroposophische Begriffsbildung geradezu an. Auch hier kann die Schulmedizin durch die Anthroposophie erweitert werden. Durch das Einbeziehen der Persönlichkeit in das Krankheitsgeschehen wird das Verhältnis zwischen Arzt und Patient gestärkt. Der Kranke findet sich in seiner Menschenwürde und Selbstverantwortlichkeit angesprochen und ist leichter motivierbar, sich aktiv für die Überwindung seiner Krankheit einzusetzen. Die Wirkung der anthroposophisch erweiterten Psychatrie hat vier Ansatzpunkte. Die Äußeren Anwendungen Einreibungen, Wickel, Bäder, Massagen, Gymnastik zur Aktivierung und Rückführung von Lebenskräften an den “physischen Leib” und seine Organe. Auf diese Weise sollen die körperlichen und “ätherischen” Strukturen wieder stärker an den “Leib” gebunden und von einer krank machenden Übertragung ins Seelenleben zurückgehalten werden. Heilmittel vorwiegend aus dem Mineral- und Pflanzenbereich. Sie sollen die Organe wieder aufnahmefähig machen für ein angemessenes Wirken der Wesensgliederkräfte. Gesprächstherapie mit dem Ziel, den gesunden Wesenskern des Menschen, sein Ich, anzusprechen und dadurch zu stärken. Der Patient kann so lernen, seine psychische Krankheit von Innen heraus zu erkennen und anzunehmen und Schritte der Krankheitsbewältigung zu üben. Gezielte Anwendung von künstlerisch therapeutischen Übungen in den Bereichen plastisch therapeutisches Gestalten, Maltherapie (einschließlich Zeichnen), Musiktherapie, therapeutische Sprachgestaltung und Heileurythmie.

Grenzen der Methode

Aus dem bisher Dargestellten geht hervor, dass das Erkenntnisbemühen des anthroposophischen Arztes immer darauf ausgerichtet ist, das “Wesensglieder-Wirken” im Körper zu erfassen, d.h., im Krankheitsfall die Verschiebungen durch körperlich (“leiblich”) sich ausdrückende Systeme und Wirkungen zu erkennen. Das therapeutische Vorgehen orientiert sich dabei an dem Grundsatz ” So schonend wie möglich und so eingreifend wie nötig”. Das ist nicht nur eine Frage der Dosierung, sondern vor allem eine solche der Methode! Und hier liegen auch die Grenzen. In der anthroposophischen Medizin sollen die Selbstheilungskräfte angesprochen werden, sodass der Organismus aus eigener Kraft seine Ordnung wiederherstellen kann. Sobald ein akutes, perakutes oder chronisches Krankheitsbild dem Menschen die körperliche Grundlage für diese Selbstheilungskräfte entzieht, muss erst durch die “Schulmedizin” eine gesunde Basis geschaffen werden, sei es bei einem fieberhaften, ggf. Antibiotika-pflichten Infekt oder ganz besonders natürlich in der Notfallmedizin. Bei chronischen Erkrankungen, bei denen organische Veränderungen so weit fortgeschritten sind, dass eine Regeneration nicht mehr möglich ist, kann die anthroposphische Medizin “nur” begleitend eingesetzt werden. Dazu zählen insbesondere alle degenerativen Erkrankungen. Ein Mangel an lebenswichtigen Stoffen, z.B. der Insulin-Mangel beim Diabetes, muss natürlich “schulmedizinisch” ersetzt werden. Alle Krebserkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung des Allgemeinzustands müssen erst “schulmedizinisch” stabilisiert werden, bevor man versuchen kann, über die Selbstheilungskräfte die eigene Immunabwehr zu stärken. Allgemein ausgedrückt: Welche Therapieform man auswählt, hängt ab von der Erkrankung, ihrer Schwere, dem Alter des Patienten, seinem Kräftezustand, seiner Konstitution und seiner Möglichkeit zur Mitarbeit beim Gesundwerden ab. Es ergibt sich aus dem Wesen der anthroposophischen Therapierichtung, dass entsprechend ihrer umfassenden, vielschichtigen Betrachtungsweise des kranken Menschen oftmals mehrere Heilmittel gleichzeitig verwendet werden müssen. Darüber hinaus wird die medikamentöse Therapie auch durch andere Maßnahmen wie Verhaltensregeln, Berücksichtigung der Rhythmik des Tagesablaufs, Grad der körperlichen Belastung, Diät oder durch künstlerische Therapie und Heileurythmie dem therapeutischen Ziel entsprechend ergänzt. Dadurch ist die therapeutische Anwendung der anthroposophischen Medizin an bestimmte Umgebungssituationen (Klinik, Sanatorium, Kuraufenthalt) gebunden und wesentlich abhängig von der “ärztlichen Erfahrung”. Ob das therapeutische Ziel erreicht worden ist oder nicht, hängt von der subjektiven Beurteilung von Arzt und Patient ab. Die Wirksamkeit ist dabei ein wertender Begriff. Sie misst sich am Grad der Heilung, Besserung oder Linderung eines Krankheitszustands, einer körperlichen oder seelischen Beschwerde oder Verhinderung bzw. Verschlimmerung einer Krankheit. Wirksamkeit ist die Summe aller erwünschten Einzelwirkungen. Durch die vielen komplexen und subjektiven Beurteilungskriterien ist ein Wirksamkeitsnachweis der Methode sehr erschwert. Die Beurteilungskriterien sind deshalb seit wenigen Jahren Gegenstand des Forschungsauftrags an der Universität Herdecke, um der ärztlichen Handlungsweise einen systematischen Rahmen geben zu können und dafür angemessene Verfahren zu entwickeln. Anthroposophische Medizin ist die geisteswissenschaftliche Erweiterung der naturwissenschaftlichen Medizin. Aus diesem Selbstverständnis ergibt sich, dass der anthroposophische Arzt alle objektiven schulmedizinischen Parameter bei seiner Diagnosefindung vollständig mit einzubeziehen hat. Er geht jedoch mit den Ergebnissen dieser Untersuchung anders um als der Schulmediziner und bewertet sie entsprechend dem beschriebenen anthroposophischen Menschenbild. Außerdem wird das subjektive Befinden des Patienten gemäß dem Zusammenwirken der “Wesensglieder” ausgewertet. Das erfordert eine umfassende Befragung der Vorgeschichte mit den Vorerkrankungen, den akuten Erkrankungen, der Biographie sowie den Lebensgewohnheiten und inneren wie äußeren Lebensumständen. Hierdurch wird es möglich, die Persönlichkeit des kranken Menschen und seine Umwelt zu erfassen, wodurch die Krankheitsbeschwerden ihre individuelle Wertigkeit erhalten, die dem Arzt letztlich die angemessene Behandlung ermöglicht. Unter dem Aspekt des dreigliedrigen Menschen ist es z.B. wichtig zu wissen, über welche Ausgleichmöglichkeiten der Patient in seinem “rhythmischen System” verfügt. Hier geben Fragen nach Störungen des Schlaf- und Wach-Rhythmus, der Nahrungsaufnahme (den Mahlzeiten) oder der Ausscheidungszeiten wichtige Hinweise. Die klinische Untersuchung wird besonders im Hinblick auf die “Wesensglieder-Aktivität” erweitert. Erfassen der Gestalt Krankheit: gebückt, aufrecht, kraftvoll, altersgemäß, überwiegend von Abbau- oder Aufbauvorgängen, sind sie im Gleichgewicht, sind die Bewegungen gehemmt, einseitig betraut, harmonisch frei, ist der Gang schwer oder leicht? All dieses zielt auf die Erkenntnis des “Wesengliedergefüges”, wie es sich in der Gesamtgestalt ausdrückt. Inspektion der Haut: Turgor, leichte Ödeme? Als Ausdruck einer nachlassenden Aktivität des “Äther-Leibes”. Muskulatur: Tonus, Spannung, Dystronien als Ausdruck seelischer Spannungen (Hinterfragen), Wärmeverteilung über den Organismus, einschließlich subjektives Wärme- und Kälteempfinden in Bezug auf den Körper? Das Arbeiten der “Ich-Organisation” im Leibe drückt sich in der Wärmeverteilung sowie in der Zielgerichtetheit der Bewegungen und der Zusammenarbeit der körperlichen Funktionen aus. Methodisch wird also von vornherein das “Subjekt” Patient umfassend in die Diagnosefindung mit einbezogen, damit die objektiven Befunde dazu entsprechend geordnet und bewertet werden können. Aus dieser Beschreibung des diagnostischen Vorgehens wird deutlich, wie differenziert und umfangreich eine entsprechende wissenschaftliche auswertbare Dokumentation sein müsste. Dies ist bei den durch die Stellenpläne gegebenen Arbeitsbedingungen in den Kliniken nicht leistbar, ebenso wenig im überfüllten Praxisbetrieb. Es ist auch grundsätzlich zu fragen, wie auf dem Hintergrund dieses therapeutischen Ansatzes die Aussagekraft einer klinischen Studie oder einer Doppelblindstudie zu bewerten ist. Es wird jedoch an den methodischen Grundlagen einer Dokumentation von anthroposophisch ärztlich betreuten Patienten gearbeitet. Befriedigende Ergebnisse, die den derzeitigen wissenschaftlichen Kriterien entsprechen, liegen allerdings noch nicht vor.