Blutegeltherapie

Entstehungsgeschichte, Prinzipien und Theorie

Der Blutegel ist ein an Menschen und Tier blutsaugender Ringelwurm. Er findet sich in Europa, im Süßwasser, zeitweise in feuchter Erde.

Die Blutegeltherapie gehört zu den aus- und ableitenden Verfahren, die die gesamte Medizin im Mittelalter bis zur Neuzeit geprägt haben. Durch die Entdeckung der Antibiotika, der Sulfonamide und der Großentwicklung im Bereich der operativen Medizin sind effektive Therapieverfahren in den Hintergrund getreten. Hierzu zählen vor allem der Aderlass und die Blutegeltherapie. Ein Grund für die heute zurückhaltende Anwendung der Blutegeltherapie stellt unser Gesundheitswesen dar. Die Blutegeltherapie ist eine kostenintensive Therapie, die in der Hand des ambulant tätigen Arztes sehr viel Zeit und Räumlichkeiten erfordert. Der Haupteffekt der Blutegeltherapie kommt dadurch zustande, dass der Blutegel in kleinen Mengen den Wirkstoff Hirudien abgibt, der das Blut verdünnt. Nach einer erfolgten Blutegeltherapie erreicht die Blutgerinnung nach 6 bis 12 Stunden wieder ihre Norm. Der Blutverlust pro Blutegel beträgt ca. 50 bis 100 ml. Meist genügt eine Behandlung, um bereits erste Erfolge zu sehen. Die Blutegel sind sensible Tierchen. Sie vertragen keine aufgeregte Atmosphäre, sind wetter- und transportempfindlich und vertragen keinen Temperaturwechsel. Deshalb sollten sie dunkel und ruhig stehen und müssen mit ruhiger Hand angesetzt werden. Am besten lässt man die Blutegel selbst suchen. Sie suchen instinktiv die optimalen Stellen. Während sie suchen, sollten sie mit Zellstoff abgedeckt werden, damit sie es dunkel haben. Das Bett sollte mit einem Wachstuch bedeckt sein, darauf sollten Zeitungen und Zellstoff liegen. Die Blutegel saugen etwa 45 Minuten bis zu 1 ½ Stunden und fallen dann von alleine ab. Das zu frühe Abnehmen kann sich ungünstig auswirken. Im Notfall kann Salz auf das Kopfende des Egels gestreut werden und somit eine sofortige Unterbrechung der Therapie erreicht werden. Die Bissstelle des Blutegels sieht aus wie ein Mercedesstern, entsprechend der Anlage der Kauwerkzeuge des Blutegels. Hier bleiben kleine, nach längerer Zeit kaum sichtbare Narben zurück. Nach der Blutegeltherapie sollten die Patienten 6-8 Stunden ruhig liegen oder sitzen. Da die Blutegel wegen drohender Infektionsgefahr nur einmal angewandt werden dürfen, werden sie im Anschluss vernichtet. Nach einer Bluttransfusion liegt die Wahrscheinlichkeit für HIV-Infektion (Aids) bei 1:1 Million. Also etwa in der Größenordnung eines Sechsers im Lotto. Seitens der Blutegeltherapie ist kein einziger Fall bekannt, dass nach einer Behandlung Aids aufgetreten sei. Die Tiere werden in Blutegelfarmen gezüchtet. Dort werden sie bewusst hungrig gehalten, damit bei Notwendigkeit eine zügige Therapie erfolgen kann.

Wirkung und Anwendungsbereiche

Früher wurde der Blutegel zum Schröpfen verwandt. Heute wird er in der Regel zur ausleitenden Therapie bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, bei Thrombophlebitis, bei Lymphstau und chronischen Entzündungen auf die Head’schen Zonen (vgl. Schröpfen) aufgesetzt. Gerade bei Patienten mit dickem Blut eignet sich der Blutegel zur Entstauung. In der Regel werden 5-10 Blutegel verwendet. Sie werden entweder im Kreuzbeinbereich zur Entlastung der gesamten unteren Extremitäten oder lokal angesetzt. Besonders günstig ist die Anwendung bei Arthrose im Bereich des Kniegelenks. Bei Tinnitus wird er hinter den Ohren angesetzt.

Grenzen der Methode

Die Blutegeltherapie ist eine leider zu wenig verwendete Therapie. Das Heparin hat die Blutegeltherapie in den Hintergrund gedrängt. Es ist interessant, dass Heparin vom Körper und von Tieren nur in geringen Mengen produziert wird, während eine ganze Reihe von Tierarten, auch Schlangen, Hirudin produzieren. Dieser Wirkstoff wird derzeit intensiv untersucht. Das Heparin wie es bettlägerigen Patienten zur Vermeidung von Thrombosen regelmäßig gespritzt wird, hat Nebenwirkungen dahingehend, dass die Blutplättchen zahlenmäßig abnehmen können. Der Vorteil von Heparin ist, dass seine Wirkung mit einem Gegenmittel (Protaminsulfat) aufgehoben werden kann. Einen Gegenwirkstoff gibt es zum Hirudin noch nicht.

Derzeit gibt es eine intensive Forschung zu dieser Fragestellung.

Die Blutegeltherapie kann nicht hoch genug in ihrem Wert eingeschätzt werden.

Der Blutegel darf selbstverständlich nicht bei Patienten, die zu allergischen Reaktionen neigen, blutverdünnende Medikamente (Marcumar) einnehmen oder bei denen Gerinnungsstörungen bekannt sind, angewendet werden.